Passend zur Nachricht über den Vortrag des Bankers lege ich heute mit einer Frage nach, die uns alle nachdenklich machen kann: Wie entsteht eigentlich Geld? Und: Was hat das mit Wirtschaftswachstum, Verschuldung und der Vermögensumverteilung von unten nach oben zu tun?
Dazu lohnt es unbedingt, sich den Film Oeconomia in der Mediathek von 3Sat anzusehen. Der Dokumentarfilm „Oeconomia“, der auf der Berlinale 2020 in der Kategorie Forum seine Premiere hatte, legt episodisch die Spielregeln des Kapitalismus offen: ein Aufklärungsfilm über den Zusammenhang zwischen Wirtschaftswachstum, Verschuldung und Vermögenskonzentration.

Mit „Oeconomia“ unternimmt Carmen Losmann eine Reise in das strategische Zentrum neoliberaler Politik. Ein ehrgeiziges und schwieriges Unterfangen, denn viele Insider des Banken- und Finanzsektors reden lieber nicht vor einer Kamera – und denen, die sich darauf einlassen, fehlen mehr als einmal die Worte. So transparent die Architektur von Banken und Geldinstituten sich gibt, so schnell verschließen sich die Türen für die recherchierende Regisseurin. Sie macht aus der Not eine Tugend, indem sie unter anderem Telefonprotokolle und computergenerierte Bilder einsetzt, damit das Abstrakte und schwer Verständliche anschaulicher wird.
Im Film wird klar: Schulden treiben das System an. Banken vergeben Kredite und schaffen damit Geld, erhöhen die Geldmenge. Damit kann investiert werden und es können Gewinne erzielt werden. Werden Kredite zurückgezahlt, vermindert sich die Geldmenge, was in die Krise führen kann, wenn weniger investiert und weniger gekauft wird. Damit geraten Arbeitsplätze in Gefahr, Kündigungen führen zur Ausweitung staatlicher Hilfen. Mit Staatsverschuldung, also neuen Krediten, erhöht sich die Geldmenge, das Wirtschaftssystem wird angekurbelt – Kredite aber sind Versprechen, das Geliehene (also das in Wirklichkeit erfundene Geld) in Zukunft zurückzuzahlen. Um zurückzahlen zu können, muss man arbeiten oder Gewinne erzielen. Damit dafür das nötige Geld da ist, müssen Schulden gemacht werden. Da eine bedingt das andere und umgekehrt.
Mit den erzielten Gewinnen kann kann Schulden zurückzahlen (Geldmenge verkappen) oder man kann damit Schuldverschreibungen kaufen, z.B. Staatsanleihen, und damit wieder Gewinne erzielen. Allerdings muss sich dafür wieder jemand verschulden, so dass die Geldmenge stetig und zugleich der Wert des Geldes immer weiter abnimmt. Dieses Schneeballsystem läuft, so lange an das System geglaubt wird, so lange die Verschleierungsstrategie hält, bei der selbst Banker, wie der Film zeigt, oft nicht wissen, wie Geld entsteht.
Kleines Nebenprodukt: wer schon viel hat, hat im Laufe der Zeit, selbst bei klein ausfallenden Renditen immer mehr; wer wenig hat, dem helfen auch keine großen Renditeraten, es bleibt immer relativ wenig; und wer zu denen gehört, die sich verschulden müssen, die zahlen immer die Zeche.
Denn selbst wenn Vater Staat z.B. die Miete für Wohnungen mitfinanziert, werden ja nur die Aufwendungen der Allgemeinheit an die Eigentümer der Häuser privatisiert; d.h. deren Privatvermögen steigt auf Kosten der Allgemeinheit. Oder: Wen jemand z.B. ein Auto kauft, wird es, wie auch jedes andere Produkt, zu einem höheren Preis, als der Hersteller für die Ware aufwenden musste, erworben; zudem verdient zumeist die automarkeneigene Bank nochmals am kreditfinanzierten Kauf des Wagens. Die Herstellerbank erfindet also Geld, damit die Konsumenten ein Produkt kaufen können, das der Hersteller mit deren Rückzahlungsversprechen und -bemühungen der Kunden erst produzieren kann. In diesem Kreislauf gewinnt immer die Bank: Monopoli.
Foto: Szene aus dem Film Oeconomia
