Handeln oder Vollziehen – unser Problem mit der Bürokratie

Liebe Leserin, lieber Leser,

Sie alle kennen sicherlich Formen der Willkür, die Sie infolge von bürokratischen Regeln erlebt und aufgeregt haben. Da wird nach Vorschrift entschieden, statt die Situation in übernommener Verantwortung abzuwägen und die eigentlich vorhandenen Spielräume oder Prioritäten zu berücksichtigen.
Menschen handeln immer häufiger wie Maschinen, sie vollziehen, entscheiden „sachlich richtig“ und bleiben formal unangreifbar. Dabei aber geht jede Menschlichkeit verloren.
Bei uns in Biebertal gab es jüngst die Beispiele mit den Auffahrhilfen an Bordsteinen, die nach der Straßenverkehrsordnung nicht erlaubt sind, deren Fehlen aber Rollstuhlfahrer*innen z.B. beim Queren der Straße behindern. Wir sehen es bei all den Formalien, die abgearbeitet sein müssen, bis z.B. das neue Ärztehaus gebaut werden kann, obwohl hunderte Patienten längst dringend einen barrierefreien Zugang zu ihrem Arzt benötigen. Wir erleben es bei den großen Baulücken in der Gießener Straße in Rodheim, die nicht geschlossen werden. Wir sehen es bei den Planungen der Mehrzweckhalle in Krumbach ebenso wie bei denen zur Versorgung unserer Kinder; bei den vielen Machbarkeitsstudien, nach deren Sinn man sich fragt. Auch im IKEK*1)-Prozess wurden mit dem Versprechen auf hohe Fördergeldsummen mit hohem Zeitaufwand vieler sich ehrenamtlich Engagierender die vorgeschriebenen Schritte abgearbeitet, aber am Ende wurde über die Pseudobürgerbeteiligung und wegen enttäuschter hoher Erwartungen hauptsächlich Frust erzeugt.

Grundsätzlich haben bürokratische Vorgaben durchaus ihren Sinn und ihre Berechtigung – als Leitlinien; doch lassen sie inzwischen immer weniger Spielraum für sinnvolle Entscheidungen als Ausnahme von der Regel, die verantwortet und zu begründen sind. Formal würden solche politischen oder institutionell verantwortlichen Entscheidungen konstellative Ungleichbehandlungen bedeuten, die, zumindest wenn demokratisch legitimiert, situativ dennoch angemessen sein können.
Praktisch aber bedeuten die Vorschriften inzwischen einen hohen Zeit- und Kostenaufwand, ohne dass der Situation entsprechend inhaltlich diskutiert wird, welche Faktoren wie hoch zu werten sind. Hinter dem Rückzug auf Formalrechtliches steht die Angst vor haftungsrechtlichen Konsequenzen und juristischem Nachspiel. Denn inzwischen basiert unser Tun nicht mehr in einem Vertrauen in die Welt und den Nächsten (den wir oft nicht mehr persönlich kennen); wir erleben die Welt, als ob sie uns feindlich gegenüber steht. Es regiert Angst, statt Vertrauen und unterstelltes Wohlwollen. Die anderen, das Fremde wird – entgegen unserer Natur – als Bedrohung und unterstellt feindlich angesehen, statt dass wir kooperativ denken und konstruktiv arbeiten. Gab es in meiner Jugend (bei allen Bedenken) noch eine grundsätzlich positive Zukunftserwartung, so scheint heute alle Zukunft verloren bzw. erscheint als Höllenschlund von Verlust und Untergangsszenarien. Dabei waren Vielfalt und positive Hoffnungen die biologischen und sozialen Kräfte, die im Miteinander Entwicklungen angestoßen haben.

Früher war gerade das Dorf der Ort des bezogenen Miteinanders – mit all seinen positiven wie negativen Auswüchsen -;
heute leben die meisten Menschen wie in den Städten eher isoliert, individualisiert, hinter Türen und Zäunen oder mit dem Blick auf´s Handy geschlossen. Viele negative Nachrichten führen dazu, sich weiter fühllos zu verschließen. Der Schmerz ist ja eigentlich nicht auszuhalten.

Bleiben wir in dieser Weise kontaktgestört, möglichst unberührbar, wenig empathisch und nicht resonant auf die Welt antwortend, nicht wertschätzend, laufen wir in die ökonomische Falle, alles zum Objekt und sachlich zu machen. Wir verlieren immer mehr unsere Menschlichkeit und das sollte aufrütteln! Scheinbar wissende Elternfiguren, bieten für verantwortungsbewusste Erwachsene keine Lösung.

Hartmut Rosa*2) zeigt in Vorträgen an vielerlei Beispielen auf, wo verantwortungsvoll gehandelt, statt sachlich korrekt vollzogen werden müsste.
Daher möchte ich Ihnen heute ans Herz legen, den Vorträgen Situation und Konstellation: Vom Verschwinden des Spielraums und/oder Plädoyer für die Rückeroberung der Spielräume zu lauschen und den darin aufgezeigten Ideen des international renommierten deutschen Soziologen Hartmut Rosa gedanklich zu folgen.
Rosa lehrt als Professor für allgemeine und theoretische Soziologie an der Friedrich-Schiller-Universität Jena und ist Direktor des Max-Weber-Kollegs der Universität Erfurt. Im Cover seines neuesten Buches >Situation und Konstellation< ist zu lesen: „Unmerklich verändert sich in der Gegenwartsgesellschaft der Charakter unseres Handelns. Insbesondere im Berufsleben, aber zunehmend auch in der Freizeit zeichnen uns Richtlinien und Formulare, Algorithmen und Apps die Wege zur Entscheidungsfindung minutiös vor. An die Stelle situationssensiblen Überlegens und Urteilens tritt die konstellationsbasierte Vollzugslogik der Maschinen, mit denen wir tagein, tagaus hantieren.“

Foto: Ausschnitt aus dem YouTube-Video-Cover

*1) Kommunales Entwicklungsprogramm
*2) https://de.wikipedia.org/wiki/Hartmut_Rosa

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