Hier mal eine fast private, aber hoffentlich für Betroffene eine mutmachende Nachricht im Bilderbogen.
Am 9. Mai 2026 war ich nach langen Jahren mal wieder im 130 km entfernten Richelsdorf, einem Ortsteil der Gemeinde Wildeck im Landkreis Hersfeld-Rotenburg, im ehemaligen Herrenhaus der Familie von Cornberg, die heute ein Teil der MEDIAN Klinik Richelsdorf ist.

Von Biebertal aus fährt man morgens in die aufgehende Sonne und am Abend in die untergehende Sonne. Rechts und links der Autobahn bewegt man sich durch herrliche Landschaften Mittel- und Nordosthessens, kommt an Fachwerkstädten, wie an modernen Industriegeländen vorbei und passiert viele Windräder.
Doch auch nach 40 Jahren ist die Autobahn immer noch nicht ohne Baustelle.
So wurden Erinnerungen wach, an ein tägliches Hin- und Her zur Arbeitsstelle – damals mit einem unbequemen Golf, der alle Vierteljahre zur Inspektion musste, da schon wieder so viele Kilometer auf dem Tacho waren.

Seit 30 Jahren ist dort
Frau Dipl. Psych. Dr. med. Heike Hinz die Chefärztin.
Sie ehrte die Jubilare in ihrem zweiten Leben; denn für so manchen ist der Entschluss zur Abstinenz wie ein 2. Geburtstag. Urkunden gab es für 5, 10, 20, 30 und 40 Jahre ohne Suchtmittel. Gratulation für die Kraft!
Wie kam es zu dieser Reise?
Ehemalige Patienten hatten mich zu einem Ehemaligentreffen dorthin eingeladen, wo ich früher als Arzt und Gruppentherapeut mit ihnen gearbeitet hatte. Sie wollten mich gerne dabei haben, wenn sie für >40 Jahre ohne Alkohol leben< geehrt wurden. d.h. Hier wirkt noch immer unsere Beziehung, die vor Jahrzehnten geknüpft wurde. Nicht das Produkt, wie uns Werbung gern vorgaukelt, ist wichtig, sondern der Prozess des verbundenen Miteinanders.


Siggi und Uwe, 1986 – 2026, da gab es nach 40 Jahren viel zu erzählen:
Die beiden haben so manche Schwierigkeiten, Schicksalsschläge und Krankheiten gemeistert, ohne rückfällig zu werden. Wenn es nötig war haben sie sich Hilfe gesucht und sich anvertraut, so wie es in schwierigen Verhältnissen in Kindertagen nicht möglich gewesen war.
Mich hat an diesem Tag besonders beeindruckt, angerührt und dankbar gestimmt, wie viele Erinnerungen die beiden Rentner, die ich vor 40 Jahren dort in der damaligen Dependance der Psychosomatischen Klinik Wigbertshöhe in Bad Hersfeld begleitet hatte, an Sätzen von mir und an Gruppen-Episoden in sich lebendig hatten. Eindrücke, die offenbar ein ganzes neues Leben lang hilfreich gehalten haben. Vielen Dank dafür!
In einem angebotenen offenen Gruppengesprächskreis am Nachmittag waren es insbesondere die frisch entlassenen Patienten, die berichteten, wieviel Mut es ihnen macht, zu sehen, dass es möglich ist, trotz Suchterkrankung abstinent leben zu können.
Einige berichteten von Rückfällen, Entgiftungen, Ehrenrunden und Entwicklungsschleifen, die für die Erfolgreichen irgendwann zu einer Selbst bestimmten Entscheidung geführt hat. Andere, weniger gelungene Karrieren waren bei diesem Treffen (noch) nicht dabei. Ihnen ist eine ins Leben führende Begegnung zu wünschen. Andernfalls wird ihnen eine Erzählung (z.B. nicht OK zu sein), an die sie glauben, ein vorzeitiges reales Ende bereiten.
Tatsächlich plagte sich ein junger Mann in der Gruppe ernsthaft seit Jahren mit der Frage, ob er OK sei. Solange er dem Narrativ „er sei nicht OK“ glaubt, wird er ihm folgen und diese Story als sich selbst erfüllende Prophezeiung wahr machen. Quod erat demonstrandum! (lat. „was zu beweisen war“)
Ein Blick in den Sternenhimmel macht uns sehr schnell klar, welch glückliche Umstände dazu geführt haben, dass wir da sind. Und da es diesen jungen Mann und jeden Menschen nur einmal gibt, ist es auf der Ebene der Existenz keine echte Frage: Er ist da und das ist OK, er ist OK, es gibt ja keine zweite Option; außer in unserer Vorstellung und in den Geschichten über uns. So taucht eine Infragestellung erst auf der Erzählebene auf, die leider nicht der Wahrheit verpflichtet ist. (Geschichten müssen nur gut erzählt sein, nicht wahr.) Erst in der Zuschreibung einer Charakterisierung des jungen Mannes (also in seiner virtuellen Dopplung – oft durch die Erzählung der Eltern, die ihr Kind gerne nach ihrer Vorstellung formen würden) entstehen zwei oder mehr Möglichkeiten im fiktiven Da-sein: sicher gebunden, ängstlich vermeidend oder desorganisiert oder angepasst folgsam, rebellisch oder innerlich dissoziiert; usw. – wobei Anpassungsleistungen meist positiv, anderes eher negativ kommentiert wird. Sehen wir uns dann mit den Augen der anderen, entstehenden in der Folge die narrativen Interpretationsmöglichkeiten von OK oder nicht OK = gefällt oder gefällt nicht (wem? und für wen und für welche Vorstellungswelt?). Daraus entwickeln sich Selbstbilder, Lebensdrehbücher und Erwartungen an sich, das Leben, die Anderen; wobei nur die kleinkindliche Perspektive aus Da / nicht da, entweder-oder besteht, in reiferen Entwicklungsstufen sehen wir mehr Differenzierungen und ein mehr-oder-weniger, sowohl-als-auch.
Schließlich sind wir es selbst, die wir uns als Erwachsene unsere Geschichten erzählen, sie glauben und danach unser Handeln ausrichten – auch wenn uns die Ursprungsgeschichten einmal andere erzählt haben. Letztlich jedoch können wir das Steuer unserer Glaubensvorstellungen und Handlungen immer selbst übernehmen, gelernte Programme überschreiben und sein, wer wir wollen. Wir müssen die Erzählungen über uns, wer wir sind oder zu sein hätten, ja nicht befolgen. Wir können unsere eigene Geschichte schreiben, brauchen uns nicht zu vergleichen; wir sind ja sowieso einzigartige Einzelexemplare, liebenswerte!
Für viele von uns ist schon die Urerfahrung, dass wir uns – in der Regel – nur geliebt und wertgeschätzt fühlen durften, wenn wir uns bestimmten Erwartungen angepasst und etwas geleistet haben, eine grausame Fake-Story.
Fakt ist, geliebt werden darf jeder schlicht für sein Da-sein, ganz ohne dafür etwas zu tun oder zu bezahlen.
Für mich war es eine sehr wichtige Erfahrung, dass ich – in der Diskussion mit mir – regelmäßig verloren habe, wenn es darum ging, ob nun noch einen Zigarillo anstecke oder nicht. In der Konsequenz habe ich aufgehört, mit mir über dieses Thema zu diskutieren. Ich habe eine Entscheidung getroffen, Punkt. Damit war vor vielen Jahren jegliche Ambivalenz diesbezüglich beseitigt und der innere Schweinehund nebenbei besiegt. Er hatte nie wieder eine Chance.
Das Thema Rauchen war zu Ende, bekam nie wieder Aufmerksamkeit und damit auch keine Macht. Der Weg aus der selbstgewählten Unmündigkeit (Kant) und Abhängigkeit gelingt also durch den Gebrauch des eigenen Verstandes und die Übernahme von Selbstverantwortung.
Es sind immer Entscheidungen die wir treffen, die Konsequenzen zeitigen. Die gefallen uns oder nicht. Falls nicht, können wir ja nachsteuern. Falls ja, bleiben wir einfach auf Kurs, auch wenn es mal stürmisch ist. Glück entsteht ja nicht aus irgendwelchen glücklichen Umständen, sondern aus unserer Haltung.
Fotos: Lindemann, wikipedia

