In der heutigen Zeit werden wir sehr von Stimmungen geleitet, und vielfältige Nachrichten beunruhigen in zunehmendem Maße; mal ganz abgesehen davon, dass wir sowieso täglich mit zu vielen Informationen für die Verarbeitungskapazität unseres Gehirns und vielfach mit solchen Eindrucken geflutet werden, die für unser persönliches Leben völlig irrelevant sind. Bei allem Neuen startet unser Gehirn eine Orientierungsreaktion, um einzuordnen, ob etwas potenziell gefährlich für uns ist. Der Verstand prüft: ist die Information wahr, wichtig, relevant für uns? Besteht eine Gefahr, wird der Botenstoff Dopamin ausgeschüttet, der uns aktiviert; wird nichts Bedrohliches erkannt, verschafft uns der gleiche Stoff einen kleinen Belohnungskick. Schnell sind wir von immer neuen kleinen Nachrichten und Bildern gefesselt, sammeln (durchaus lustvoll) „Kieselsteine“.

Als echte psychische Krise verstehen Mediziner den Verlust des seelischen Gleichgewichts infolge akuter Überforderung eines gewohnten Verhaltens bzw. von Bewältigungssystemen durch belastende äußere oder innere Ereignisse.
Auslöser seelischer Krisen sind a) traumatische Krisen wie Todesfälle, Verluste, akute schwere Erkrankung, berufliche oder soziale Bedrohung, Gewalterfahrungen und Unfälle, Partnerschaftskrisen und b) Lebensveränderungskrisen wie Verlassen des Elternhauses und andere Adoleszenzkrisen, Mutter- bzw. Vaterschaft, Midlife-Crisis, Prozesse des Alterns.
Durchlebt ein Mensch eine Situation, die ihn zunächst seelisch überforderte, in der er jedoch die anfangs hilflose Situation zu wenden und zu meistern verstand, wird dies zu einer Stärkung seiner psychischen Funktionen beitragen. Wird die Situation jedoch als seelische Katastrophe bewertet, kann es zu erheblichen psychischen Verletzungen kommen mit der Folge einer seelischen Narbe oder gar einer wie immer aktuell bleibenden Wunde.
In seelischen Krisenzuständen formen sich, je nach Mensch und Vorerfahrungen, unterschiedlicheste Symptomkonstellationen aus:
– Typisch sind Zustände der Anspannung, Unruhe und Nervosität und häufig Schlafstörungen
– Oftmals bestehen Gefühle von Rat- und Hilflosigkeit, affektive und kognitive Verwirrtheit sowie große Angst, die von körperlichen Symptomen wie Herzrasen, empfundener Atemnot und Schwindel begleitet sind.
– Gelegentlich ist die Stimmung gereizt-aggressiv; meist jedoch depressiv verzweifelt, ggf. mit dem Empfinden von Erschöpfung und sozialem Rückzugswunsch.
– Seltener kommt es zu Selbstentfremdungserleben (Dissoziation) oder gar produktiv-psychotischen Episoden (Halluzinationen).
– Eine besondere Gefahr liegt in der Entwicklung von Suizidalität, gelegentlich auch fremdaggressivem Verhalten, die als „letzter Ausweg“ ein Entkommen aus der Überlastung versprechen. (In Deutschland führen pro Jahr ca. 130.000 Menschen selbstmörderische Handlungen aus.)
Da ist es wichtig, das Thema bei Verdacht anzusprechen! Das verschlimmert die Situation nicht, im Gegenteil, es eröffnet eine soziale Bindungsmöglichkeit.
(50 % aller Suizidopfer suchten in den Wochen vor der Tat einen Arzt oder eine Beratungsstelle auf; größtes Problem: Selbstmordgefährdung wird nicht erkannt!)
Was kann man tun?
Hier hilft das BELLA-Schema: Beziehung aufbauen, Erfassen der Situation, Linderung der Symptome, Leute einbeziehen, Ausweg aus der Krise suchen.
Es hilft, sich Zeit zu nehmen, zuzuhören, nicht zu urteilen, Verständnis suchen, keine Rat-Schläge zu geben, Ermutigung Gefühle zuzulassen, Entlastung von Schmerz, Angst und Schuldgefühlen, Einbeziehen von nahestehenden Personen und Experten; planen von konkreten, realistischen, machbaren Lösungsschritten mit dem Ziel die eigene Handlungskompetenz, Selbstachtung und sozialer Zugehörigkeit. Manchmal ist auch ein Millieuwechsel (z.B. Fachklinik) hilfreich.
Bildquelle: ChatGPT, Text angeregt durch D. Süße, Klinik f. Neurologie und Psychiatrie Gießen, Hess. Ärzteblatt, 4/2005, S.227-230/ Bürgerhilfe Biebertal
