Vier Wendepunkte im Laufe des Lebens

Im Rückblick empfinden viele von uns ihr Leben als von verschiedenen Phasen geprägt. Es hat sich herausgestellt, dass auch das Gehirn diese Phasen durchläuft. Forschende der Universität Cambridge haben 5 Phasen der Gehirnstruktur im Laufe eines Menschenlebens identifiziert. In dieser Zeit passt sich unser Gehirn an, um unterschiedliche Denkweisen zu ermöglichen, während wir wachsen, reifen und schließlich altern.
Das durchschnittliche menschliche Leben wird durch 4 entscheidende Wendepunkte zwischen Geburt und Tod unterteilt, an denen sich unser Gehirn neu konfiguriert. Diese vier entscheidenden Wendepunkte erfolgen laut dem Forschungsteam im Alter von etwa 9, 32, 66 und 83 Jahren.

Im Kindesalter entwickelt sich die Gehirnstruktur von der Geburt bis zu einem Wendepunkt im Alter von 9 Jahren. In dieser Phase wird die Vielzahl an Synapsen*, die im Gehirn eines Babys übermäßig gebildet werden, abgebaut, wobei die aktiveren Synapsen erhalten bleiben.
Mit dem ersten Wendepunkt im Alter von 9 Jahren erlebt das Gehirn einen sprunghaften Anstieg der kognitiven Leistungsfähigkeit sowie ein erhöhtes Risiko für psychische Erkrankungen. 

* Synapsen sind die Verbindungsstellen von Nerven zu anderen Nerven und Zellen, die die Informationen (Reize/Erregungen) weiterleiten. Lernen passiert, indem sich aufgrund von intensiven oder emotionalen Eindrücken sowie Wiederholtem neue Synapsen bilden oder nicht mehr gebrauchte Synapsen abgebaut werden. Jede unserer ca. 90 Milliarden Nervenzellen hat im Durchschnitt 10.000 Synapsen, insgesamt sind das ca. 1.000.000.000.000.000 Kontaktstellen mit anderen Zellen.

In der Adoleszenz*), der folgenden zweiten Entwicklungsphase des Gehirns nimmt die weiße Substanz* an Volumen zu, wodurch die Organisation der Kommunikationsnetzwerke im Gehirn zunehmend verfeinert wird.

* Die weiße Substanz umfasst mit Nervenfasern alle Bereiche des zentralen Nervensystems. Diese Axone (dünner Fortsatz einer Nervenzelle, der elektrische Signale leitet) sind von Myelinscheiden umhüllt, die aus Lipiden und Proteinen bestehen und eine elektrische Isolation bewirken. Dadurch werden Nervenimpulse deutlich schneller weitergeleitet als in der grauen Substanz,
die hauptsächlich Nervenzellkörper enthält.

Diese Phase zeichnet sich durch die Effizienz der Verbindungen innerhalb spezifischer Regionen und durch die schnelle Kommunikation im gesamten Gehirn aus, was mit einer verbesserten kognitiven Leistungsfähigkeit einhergeht und ihren Höhepunkt im Durchschnitt mit Anfang 30 erreicht.

Die längste Lebensphase, das Erwachsenenalter beginnt um das 32. Lebensjahr herum. Die Gehirnarchitektur stabilisiert sich im Vergleich zu den vorherigen Phasen und bleibt ohne größere Wendepunkte über 30 Jahre bestehen, was mit einem „Plateau in Intelligenz und Persönlichkeit“ korrespondiert. 

Mit 66 Jahren ca. sieht man einen weiteren Wendepunkt: Die allmähliche Reorganisation der Hirnnetzwerke, die Mitte 60 ihren Höhepunkt erreicht. Dies hängt wahrscheinlich mit dem Alterungsprozess zusammen, bei dem die Konnektivität (die Verbindungen) abnehmen und die weiße Substanz zu degenerieren beginnt.

Um das 83. Lebensjahr liegt der letzte Wendepunkt, dessen prägendes Merkmal eine Verlagerung von globalen zu lokalen Strukturen ist, da die Konnektivität des gesamten Gehirns weiter abnehme und bestimmte Regionen stärker betrifft – was dann das Abnehmen oder Ausfallen von bestimmten Funktionen erklärt.

Quelle: Nature Communications erschienen (2025, DOI: 10.1038/s41467-025-65974-8) & Dt. Ärzteblatt, 2. Januar 2026

*) Adoleszenz = Übergangsphase von der Kindheit zum Erwachsenenalter

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert