Gegen die meisten chronischen Krankheiten gibt es glücklicherweise Medikamente; doch sie verführen leicht zu der Annahme, mit solcher Hilfe von außen sei es getan. Wichtiger aber wäre ein gesunder Lebenswandel, doch der fällt den meisten Menschen (um die 70 %) schwer.
Dennoch gibt es Wege und Strategien, Veränderungen zu erzeugen, um z.B. abzunehmen, sich mehr zu bewegen, weniger Alkohol zu trinken oder endlich mit dem Rauchen aufzuhören. Studienergebnisse zeigen sehr robust, dass sich gerade bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes und Adipositas durch Lebensstilveränderungen die Prognosen erheblich verbessern und eigentlich die Basistherapie vor jeder medikamentösen Therapie sein sollten.

Bildquelle: ChatGPT
Uns allen ist nur allzu gut bekannt, was wir verändern müssten,
doch liebgewonnene Gewohnheiten verbrauchen a) weniger Energie und vermitteln b) ein Gefühl von Sicherheit, Konstanz und Beruhigung.
Zudem klingen weit gesteckte Ziele für unser Gehirn so, als ob die Information jemand anderem gelte.
Persönlich angesprochen fühlen wir uns und sieht man im Frontalhirn Reaktionen vor allem bei kurzfristig erreichbaren Zielen.
Um also Veränderungen einzuleiten – was immer, je nach Thema, mit einer überschaubaren Zeit von mehr Anstrengung und Disziplin verbunden ist, bis das neue Verhalten automatisiert wurde – sollten wir also alte Gewohnheiten nutzen und neue daran hängen; wir sollten unbedingt viele kleine, gut zu erreichende Zwischenziele definieren und uns bei jeder dieser Zielerreichungen aktiv mit etwas Schönem oder Begehrtem belohnen; wir sollten uns mit anderen zusammentun und uns wichtigen Menschen von unserem Vorhaben erzählen. Die Unterstützung vom Umfeld ist wichtig, ebenso sollte Zeitmangel bzw. Prioritätensetzung überprüft und Erwartungen realitätsgerecht angepasst werden, um Zielkonflikte zu minimieren.
Der Stirnlappen ist der vorderste und zuletzt ausreifende (in großen Teilen von der Pubertät bis zum 25./30. Lebensjahr) Teil des Gehirns. Im Bild unten vom „der Steuermann“ symbolisiert, mit den exekutiven = ausführenden Funktionen: Motivation, Wollen, Impulskontrolle und willkürliche Bewegungen. Das Frontalhirn ist wesentlich für Planung, Problemlösung, Konzentration, Persönlichkeit, die Modulation von Gefühlen, Sozialverhalten und Sprachproduktion. Dabei trägt der Botenstoffes Dopamin zur Aktivierung und Motivation bei; zugleich signalisiert Dopamin Belohnung, wenn wir ein Ziel erreicht haben.


Quelle: https://www.kreis-paderborn.de/kreis_paderborn-wAssets/docs/51-jugendamt/fachtag2019/Deffner_Handout-WS_8.11.2019_pdf.pdf, Carmen Deffner
Barrieren für Veränderungen sind oft Enttäuschungen und andere psychische Belastungen, wir Alltagsstreß, depressive Symptome, Ängste oder chronische Schmerzen; ebenso das Erleben geringer Selbstwirksamkeit z.B. weil uns andere wichtiger sind, als wir selbst; Stigmatisierung und Scham z.B. bei Adipositas.
Leider reagiert unser Belohnungssystem evolutionsbedingt sehr stark auf hochkalorische Nahrung, Bequemlichkeit und schelle Verfügbarkeit. Unsere Umwelt mit all ihren Einladungen hat also hohen Verführungscharakter, so dass wir dort regulierende für uns gute Bedingungen schaffen sollten; d.h. auch Ausschluss von manchen Gedanken, Umweltreizen und dem Einkauf von Chips und Süßigkeiten, verarbeiteten Lebensmitteln, Alkoholika, Rauchwaren, usw..
Manche Krankenkassen bieten inzwischen Disease-Management-Programme und Schulungen, wobei Sie Ihre persönliche Lebenslage berücksichtigen sollten, um zu sehen, ob solche Angebote für Sie passen. Zu lange oder zu komplizierte Interventionen erhöhen die Abbruchquoten, ebenso wie standardisierte „One-size-fits-all“-Ansätze (= eine Lösung für alle). Gute Umweltbedingungen, nicht das Mind-Set (Geisteshaltung, Denkweise, Einstellung), fördern das Dabeibleiben, mit Bewegungsfreude, Spaß am Kochen und guten Essen usw.; wobei all die kleinen Erfolge wiederum motivieren und die Ritualisierung der neuen, bald gewohnten Verhaltensweisen fördern.
Wenn Lebensstilveränderung die beste Medizin ist, dann ist unser kulturelles Umfeld vielleicht der Löffel, der nötig ist, damit diese Medizin schmeckt.
Beobachten Sie, wo und wann die Verführungen fruchten und wo und wann nicht. Dann ändern Sie einfach den Fokus der Aufmerksamkeit. Es finden sich dann viele und immer mehr Anknüpfungspunkte, die das neue Verhalten stabilisieren.
PS: Rückschläge gehören dazu. Wichtig ist, statt sich dafür abzuwerten und zu beschimpfen, sich für´s Bemerken der Ehrenrunde zu loben, denn jetzt haben Sie die Wahl, welchem Kurs sie folgen.
Inspiriert zu diesem Beitrag hat mich einen Artikel aus dem dt. Ärzteblatt, Ja. 123, Heft 6, 20. März 2026: Die beste Therapie, die kaum jemand umsetzt; Valentin Frimmer, Alice Lanzke; S. A322-324
Dr. Martin Halle, Direktor der Poliklinik für Präventive Sportmedizin und Sportkardiologie der TU München, ergänzt: „Meine Patientinnen und Patienten lass ich zu Hause oder im Wartezimmer 10 positive Veränderungen aufschreiben, die sie sich von einem gesünderen Lebensstil erwarten.
Das kann eine Reise sein oder das gemeinsame Spielen mit den Enkelkindern.“
Sehr hilfreich, da Schriftliches für unser Gehirn immer besonders wichtig (und haltbar) erscheint, ist auch das abendliche Notieren von Negativem des Tages mit all seinen Emotionen, die man da erlebt hat – auf einer Seite einer Kladde – während auf der anderen Seite die positiven Erfahrungen des Tages, zu denen man selbst ! beigetragen hat, in Erinnerung gebracht und notiert werden.
Da unser Gehirn, evolutionär bedingt, zur Lebenserhaltung Negatives bzw. Bedrohliches intensiver speichert als Positives, ist das Benennen all der guten Erfahrungen so wichtig, da sie sonst schnell unter der Rubrik „selbstverständlich oder gewöhnlich“ abgehakt und vergessen werden.

